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Von Graben nach Stuttgart in die Bundesliga

Samuel Röthlisberger ist der erste Spieler mit HVH-Vergangenheit, welcher es in die Deutsche Bundesliga geschafft hat. Im Interview erzählt er über seine Vergangenheit bei Buchsi und sein heutiges Handballerleben als Profi beim TVB Stuttgart.

Welches sind deine Erinnerungen an den Start deiner Handballkarriere beim HVH?
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mehrmals die Woche mit meinem Fahrrad von Graben nach Herzogenbuchsee in die Mittelholzhalle zum Training gefahren bin. Manchmal trainierten wir auch der kleinen Sekhalle oder in Bettenhausen. In der U13 hatten wir unzählige Turniere, zum Teil auch im Mixed. In kann mich auch an viele Trainingslager erinnern, in welche immer mehrere Juniorinnen- und Juniorenmannschaften mitreisten. An den Wochenenden waren die meisten Juniorinnen und Junioren in der Halle, um die anderen Teams zu unterstützen. Ich fand das immer cool und war auch dort, wenn ich Zeit hatte.

Was verbindet dich heute noch mit dem HVH?
Ich habe beim HVH das Handball-ABC erlernt. Ich war damals ein kleines Kind und bin eigentlich nur durch Zufall auf die Sportart Handball gestossen. Ich habe in meiner Zeit beim HVH viele gute Freunde kennengelernt. Zu einzelnen habe ich immer noch Kontakt. Ich bin leider nicht so oft in der Halle, verfolge aber ständig was das Damen 1 und auch das Herren 1 macht. Was natürlich auch jedes Jahr wieder dazugehört ist das Plauschturnier im Sommer. Ganz Herzogenbuchsee ist dort anzutreffen. Deshalb bin ich auf jeden Fall auch vor Ort.

Was waren deine prägendsten und wegweisendsten Momente in deiner bisherigen Handballkarriere?
Es gab schon 1-2 Momente, die mir geblieben sind. Mit dem BSV Bern bin ich im Jahr 2014 U19-Schweizermeister geworden. Viele Mitspieler aus diesem Team gehören noch heute zu meinen engsten Freunden. Im selben Jahr konnte ich auch meine ersten Spiele in der NLA bestreiten. In einem der ersten Spiele, gegen die Kadetten Schaffhausen, hat sich dann der linke Rückraumspieler bereits nach wenigen Minuten verletzt. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und konnte sogar drei Tore erzielen. Was noch viel schöner war, dass wir das Spiel gegen den Favoriten gewinnen konnten. Prägend war auch die Zeit in der Juniorennationalmannschaft. Mit dem 96-Jahrgang haben wir drei Turniere bestritten und auch immer wieder grosse Nationen wie Deutschland und Frankreich geschlagen. Ich erinnere mich auch sehr gut an meine ersten Spiele in der A-Nationalmannschaft. Am meisten im Kopf ist allerdings das Spiel gegen Deutschland 2016 im Hallenstadion. Wir haben damals den Favoriten fast zu Fall gebracht und mussten und uns nur mit einem Tor geschlagen geben. Sehr schöne Erinnerungen habe ich auch das erste Spiel in der Bundesliga. Wir besiegten damals in meinem ersten Heimspiel die MT Melsungen. Das war schon sehr speziell. Ich habe keine gute Vorbereitung gespielt und habe dementsprechend auch nicht mit viel Einsatzzeit gerechnet. Auch hier wurde ich aber bereits nach wenigen Minuten aufs Spielfeld geschickt.
Einer der schönsten Momente ereignete sich dann diesen Sommer mit der Nationalmannschaft. Wir haben uns für die EM 2020 qualifiziert. Ich war verletzt, bin aber doch auch nach Serbien zum entscheidenden Spiel gereist. Bei gefühlten 40 Grad haben wir in der zweiten Halbzeit aufgeholt. Obwohl wir das Spiel verloren hatten, war klar, dass wir uns das erste Mal seit 2004 selbständig für eine Endrunde qualifizierten. Diese Emotionen, die ich beim Schlusspfiff erlebt habe, kann ich nicht beschreiben. Das war einfach nur unglaublich schön.

Was waren die grössten Veränderungen für dich beim Wechsel nach Stuttgart?
Ich war plötzlich auf mich alleine gestellt. Ich war weit weg von meinem familiären Umfeld und meinen Freunden und kannte niemanden im Team oder in der Region. Durch diese Situation habe ich mich aber auf jeden Fall menschlich weiterentwickelt und lernte auf eigenen Beinen zu stehen.
Eine Veränderung fand neben dem besseren handballerische Niveau auch abseits des Feldes statt. Als Sportler stehst du hier in Deutschland viel mehr im Fokus. Ausverkaufte Hallen und eine viel grössere mediale Präsenz der Sportart sind sinnbildlich. Jedes Spiel wird live im TV übertragen.

Wie sieht ein normaler Profihandball-Tag bei dir in Stuttgart aus?
Der ist sehr speziell ;). Ich stehe am Morgen mit meiner Freundin auf und frühstücke. Danach steht das erste Training an. Dies ist meistens eine Athletikeinheit. Am Mittag gehe ich normalerweise mit einigen Mannschaftskameraden essen und Kaffee trinken. In der Mittagspause habe ich auch Zeit meinem Studium nachzugehen. Am Nachmittag findet das Handballtraining statt. 2-3Tage vor einem Spiel finden jeweils noch Video-Sessions des Gegners statt. Ich bin meistens gegen 17 Uhr zuhause und beginne mit dem Kochen. Am Abend steht nichts Grosses mehr an. Meine Freundin und ich plaudern noch ein bisschen oder spielen ein Kartenspiel.

Wie viele Spiele hast du 2019 bestritten? Was sind die Hauptaugenmerke beim Aufbau und Regeneration um ein solches Programm körperlich zu bewerkstelligen?
Wie viele Spiele ich im Jahr 2019 bestritten habe weiss ich nicht genau. Ich weiss aber, dass ich nur die beiden EM-Quali-Spiele im Juni verpasst habe. Die Athletik ist ein wichtiger Faktor hier in Deutschland. Deshalb beinhaltet die Vorbereitung auf eine Saison auch einen sehr grossen Anteil aus Krafttrainings und Ausdauertrainings. Ich versuche auch nach jedem Training und nach jedem Spiel kurz ein paar Schritte auszulaufen und auszudehnen.

Bleibt Zeit neben dem Handballsport für andere Sachen?
Nur Handball geht nicht. Wie bereits gesagt, absolviere ich nebenbei noch ein Fernstudium. Mir ist aber auch wichtig viel Zeit mit meiner Freundin zu verbringen. Ich bin zudem ein grosser Sport-Fan. Vor allem Basketball. Darum schaue ich täglich die Highlights der NBA. An freien Wochenenden ist jedoch auch schön mal in die Heimat zu fahren, Zeit mit der Familie zu verbringen und sich auch mit Freunden zu treffen.

Gegen welches Bundesligateam ist es am eindrücklisten auswärts anzutreten?
Das Schöne in Deutschland ist, dass praktisch jede Halle ausverkauft ist und eine super Atmosphäre herrscht. Deshalb ist es schwer eine gegnerische Halle oder einen Gegner hervorzuheben. Für Gänsehaut sorgen aber nach wie vor die Hallen in Kiel und auch in Flensburg. Zusätzlich ist es aber auch schön gegen meine Schweizer Kollegen in den anderen Bundesliga-Teams zu spielen. Vor allem mit Lenny Rubin bin ich ja sehr gut befreundet.

Du bist ein Abwehrspezialist. Welcher Gegenspieler war/ist der schwierigste zu verteidigen gegen den du bisher gespielt hast?
Da gibt es auf jeden Fall einige! Zarabec vom THW Kiel als Beispiel, der ist klein und sehr schnell. Aber von welchem Spieler ich am meisten Respekt habe ist Damgaard vom SC Magdeburg. Der kann alles und ist extrem explosiv.

Wie ist es gegen Andy Schmid zu verteidigen? Wie stellst du dich selber und ihr als Abwehrteam auf ihn ein?
Wie bei jedem anderen Gegenspieler wird im Vorfeld über seine Stärken und Schwächen gesprochen. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass fast alle Angriffe der Löwen von Andy ausgehen. Allerdings sind nun mal ein paar Dinge nicht verhinderbar. Deshalb müssen wir als Team versuchen ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. In meinen Augen ist wichtig ihn immer wieder vor neue Aufgaben zu stellen und ihn auch immer wieder unter Druck zu setzen.

Was würdest du einem Knaben, welcher auch mal in die Nati und Bundesliga kommen möchte mit auf den Weg geben?
Nie aufgeben, immer besser werden wollen und trotzdem Spass am Handball haben.

Steckbrief Samuel Röthlisberger
Alter: 23 Jahre
Grösse: 198 cm
Start Handballkarriere: mit 10 Jahren beim HVH (2006)
Wechsel zu BSV Bern: 2010
Wechsel zu TVB Stuttgart 2017
Anzahl Länderspiele: 40

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